Sophia – die uns umgibt [🇩🇪]

Ich hänge Wäsche auf der Terrasse auf, eine warme Maibrise streift meine Schultern. Von hier aus sehe ich die Türme der Kathedrale von Haarlem. Ihre Glocken läuten zum dritten Fest im Kirchenjahr.

Für die Kirche-unumstößlich- das wichtigste Fest: Pfingsten.

Der Wind trägt meine Gedanken in die Eifel. Heute vor einem Jahr sind wir zur jährlich stattfindenden Matronenreise aufgebrochen. Wir wanderten auf den Spuren der Matronen, jener Landschaftsahninnen, die immer in Form dreier Frauenfiguren auf kleinen Votivsteinen dargestellt werden. Sie bilden eine Gemeinschaft- ja eine Drei-Einheit des Lebenszyklus. “Und das zu Pfingsten!”- murmelte ich noch. Feiern doch die Kirchenväter heute die Ausschüttung des Heiligen Geistes, verehren sie die christliche Dreifaltigkeit         (Gott, Sohn, Heiliger Geist).

Ich denke an Sophia, sie schwirrte schon seit längerem durch  meinen Kopf. Sie umfasst so vieles, vielleicht kann ich sie deshalb nicht gut in Sprache umwandeln. Ich suche Inspiration, ich suche nach Worten und tauche in die dicken Bücher ein, die zur Zeit meine regelmäßigen Begleiter sind: Tagsüber dienen sie als Stütze und Erhöhung meines Homeoffices, zur Abendsonne liegen sie verstreut auf dem Schreibtisch und wollen mir so Vieles erzählen, Sophia in Worte zu fassen.

Der Atem ist weiblich

So lese ich, dass der Heilige Geist wird im Alten Testament hebräisch “Ruach” genannt wird: Der Atem oder der Wind haucht der frisch geborenen Schöpfung Weisheit und Liebe, also LEBEN ein. Das Wort Ruach ist weiblich. Ohne diesen Wind wäre also die Schöpfung sinnlos. “Sie ist der Atemzug von Gottes Kraft”- steht im Alten Testament.

Sie? In dieser Schöpfungsgeschichte schimmert etwas durch, was die jahrtausendelange Urweisheit der Menschen war: Erschaffen (creare), Gebären, Hüten, Trösten– das sind weibliche Aspekte Gottes.

Ruach - die heilige Windin | Rûaḥ ist weiblich und soll ein onomatopoetisches Wort sein, welches das Geräusch des Windes oder des Atmens nachahmt (wikipedia) Ausschnitt aus dem Video Heiliger Geist: www.dasbibelprojekt.de/videos/heiliger-geist/

Sophia- als Himmelskönigin

In jüdisch- hellenistischen Auslegungen verwandelt sich Sophia in die in einer Wolke gehüllte Göttin Shekina , die der Teil Gottes ist, den wir erfahren, spüren und fühlen können. Sie wird später als  ‘Chokma’- Mutter aller Dinge im Kosmos angerufen, sie, die aus der Ewigkeit geformt wurde.

Diese Himmelskönigin verblasste in den Jahrtausenden, mal war sie im Judentum die Tochter, Schwester oder gar Ehefrau Gottes. Irgendwann blieb von Sophia nur der Name übrig und zog in die Heiligen Schriften als „die Weisheit“ – und nun als Neutrum- ein. Wenigstens etwas, da sie ja die Brücke vom Juden- zum Christentum ist (1,2,3,4,6).

Diese Schwarze Madonna von Palau-del-Vidre (Roussillon), beschreibt die Schriftstellerin und Madonnenforscherin Helene Luise Köppel folgendermaßen: “Es handelt sich um eine sog. Vièrge ouvrante, also eine “Jungfrau zum Öffnen”. Sie ist die sprichwörtliche Sophia, der weibliche Aspekt Gottes.” (7)
Abbildung: Ausschnitt aus dem Ausstellungsprospekt des Jüdischen Museums Hohenem in Österreich www.jm-hohenems.at/static/uploads/2014/01/Impressionen_Weibliche_Seite_Gottes_Ausstellung_Eroeffnung_0.pdf

In der christlichen Gnostik flossen ägyptisches, jüdisches und griechisches Gottesdienstwissen zusammen: Sie bewahrten das göttliche Geheimnis der Fruchtbarkeit der Schöpfungsmythen, das Geheimnis des dunklen Urzustandes der Erde. In diesem Urzustand brodelte ein Verlangen hoch nach Eros, nach Selbsterkenntnis- nach Bewusstsein. Das Heilige, Schöpferische, Umsorgende, das (Mit)fühlende, befruchtete den Boden. Es ist das Heilige aus einem Vater und einer Mutter, die ein Kind bekommen (1,2,3). Aus der Einheit entwickelt sich Zweisamkeit und von dort aus die Dreiheit: Die Dreifaltigkeit. Sophia als Anfang der Schöpfung, die göttliche Kraft, die weibliche Seite Gottes, die Quelle der Kraft (4).

Und die weiße Taube?

Schon zu Zeiten Asheras  war die Taube ihre treue Begleiterin (5). Sie ist die Liebesbotin. Im östlichen Christentum wird die “Weisheit“ als Mutter und Taube betrachtet wurde. Im Neuen Testament erscheint die Taube Maria als Botin der Verkündigung. Die Taube ist Sophia, der weibliche heilige Wind , ihr Atem. In allen Evangelien legt sich dieser Geist auf Jesus als die Botin Sophias, der Mutter Gottes. Aus einer leuchtenden Wolke heraus erscheint eine Taube mit weiblicher Stimme. Bald verstummt sie. Die Geistin verliert ihr Geschlecht – Ruach- der Wind wird männlich  und geht so letztendlich in das Heiligtum der Dreifaltigkeit ein als Spiritus Sanctus (3).

Die weiße Taube erinnert uns an die Liebe, die Geistin, die „Windin“ und- seit Picasso- an den Frieden.

Kirchtürme der Kathedrale in Haarlem Foto mistralma

Die Glocken schweigen.

Zwischen den Türmen der Kathedrale erahne ich das Glasfenster mit der Krönung der Mutter Gottes als “Braut“ des Heiligen Geistes auf dem Heiligen Thron.

Sophia- die das Urwissen der Lebenszyklen in sich trägt von Geburt, Tod und Wiedergeburt.

Sophia- als Zeichen der Göttinnentriade (Jungfrau, Mutter und weiser Alten) (4). Wie die Darstellung der DREIeinheit der Matronen in der Eifel.

Sophia- in all ihren Facetten, so nah bei mir- hier -auf der Terrasse mit Wäscheklammern zwischen den Lippen. 

Alles Liebe 

Juliane

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INFOthek » weitere Inspirationen

  1. Annine van der Meer: Van Venus tot Maria, Den Haag, 2006. S. 240-273.
  2. Annine van der Meer: Zeven sleutels tot Sophia, de verborgen God de Moeder in BRES 19 augustus 2010, abgerufen Mai 2020 auf  https://www.annine-pansophia.nl/artikelen/
  3. Annine van der Meer: Die Sprache unsrer Ursprungs- Mutter MA, Christel Göttert Verlag, Rüsselsheim, 2020. S. 425
  4. Artdea aufgerufen im Mai 2020: https://artedea.net/sophia-alttestamentarische-goettin-der-weisheit/
  5. Ottmar Keel: Gott weiblich: Eine verborgene Seite des biblischen Gottes, Freiburg,2008, S. 111-113.
  6. Herzlichen Dank an Gudrun Nositschka für ihre Hilfe:  Gerda Weiler: “Ich brauche die Göttin“ – Zur Kulturgeschichte eines Symbols – Urike Helmer Verlag, Königstein 1997. S. 174 – 189
  7. Entnommen aus: https://www.koeppel-sw.de/schwarz-bin-ich-aber-schoen/

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