Baba Marta und die Farben der Seele [🇩🇪]

Die Aussicht von meinem Schreibtisch zeigt ein leicht chaotisches Bild, Tannenzweige, Gestrüpp  und Wäscheklammern tänzeln im Rhythmus des leichten Windes hin und her und verteilen sich auf die nassen Terassensteine. In welcher Jahreszeit leben wir eigentlich? Kühle Winde, warme Sonnenstrahlen, vereiste Teiche und die ersten Knospen. Die Winterferien meiner Töchter sind angebrochen. Im Niederländischen trägt diese Woche zwischen dem ersten und zweiten Schulhalbjahr den Namen „Krokusferien“: Zeit der Krokusse, also. Gestern noch hatten sie die Schlittschuhe an, heute tragen sie die Jacke lässig über dem Arm.
Ich suchte nach einem gemeinsamen Moment des Innehaltens. Ich dachte an einen Workshop, in dem wir bulgarische Lieder sangen. Im Nachhinein erklang ein Lied der Baba Marta.
Baba Marta heißt übersetzt Großmutter März. 
In diesem Monat- im Bulgarischen ist  der Monat März weiblich-                                    feiern die Menschen in Bulgarien das Fest des Märzes:    мартеница     Martiniza
Die Märzmarta hat es nicht einfach, ihre Brüder der Januar und Februar mischen sich immer wieder ein, blasen kalte Winde in die Täler des Landes und bedecken die Hügel und Felsen der Gebirge mit Schnee.  Ander behaupten, dass der März selbst dieses Wetter heraufbeschwört als Rache an den Brüdern, im Bulgarischen Голям Сечко, Малък Сечко, die gemein zu Marta waren.
Trotz der Streitereien steht Baba Marta für den Frühlingsanfang und es wird freudvoll gefeiert. Es werden verschiedene Martinizie (Mehrzahl von Marteniza) gebastelt, die die Farben rot und weiß gemein haben. Püppchen, Armbänder, Körbchen werden am liebsten selbst hergestellt und in den ersten Märztagen an Familie und Freunde verschenkt. Auch Bändchen werden an Zweige und um Jungtiere als Zeichen für Fruchtbarkeit gebunden. Nicht nur als Talisman für Gesundheit und ein langes Leben werden die Martenizi  verschenkt und getragen; insgeheim probieren die Menschen Marta zu besänftigen, damit sie nicht kalt und wütend aus ihrem Gebirge übers Land fegt.
Die Farben Rot und Weiß haben verschiedene Bedeutungen .
Zunächst wird oftmals die Kombination Weiß Rot gedeutet mit der Figur der Baba Marta selbst: 
rote Wangen und weißes Haar, das deutet auf das hohe Alter der Großmutter hin. 
Eine andere Deutung von Rot ist in Bulgarien verwoben mit dem Brautschleier, der Jahrhunderte lang aus rotem Stoff hergestellt wurde, um die Braut beim Übergang vom Mädchen zur Frau zu schützen. 
Die roten Stickereien der anderen Kleidungsstücke symbolisieren das Blut, den Wein und die Glut.
Weiß wird in Bulgarien als die Farbe der Unschuld gedeutet, wird aber auch für Freude und Schönheit. In vielen bulgarischen Liedern wird ein Mädchen besungen, das ein weißes Gesicht hat, also schön ist. Auch der Südwind wird  in einigen Gegenden  „weißer Wind“ genannt. Die Farbe Weiß steht auch für die Verbindung zum Jenseits.  Ein weißer Blumenstrauß gilt als Abschiedsgeschenk an die Verstorbenen. Das Weiße  galt auch als Zeichen von Männlichkeit und der hellen, sonnigen Kraft. 
Es gibt viele Legenden zur Entstehung des Martiniza Brauches:
So  färbte sich ein weißer Faden, der als Glücksbringer  mit einer Taube verschickt wurde, rot. Die Taube hatte sich unterwegs verletzt.
Meistens gab es ein Happy End und seitdem stehen die Farben für Glück, Schönheit und Gesundheit.
Fest verwurzelt ist die Martiniza und so gibt es zahlreiche Zeremonien an Quellen, in den Wäldern und im Gebirge. Rot und Weiß bekommen in diesem Farbenspiel der Natur eine viel tiefer liegende– uralte Bedeutung. Das Weiß steht in den vorchristlichen Kulturen, in der Naturreligion für den Übergang vom Tod zum neuen Leben- ausgedrückt als „die weiße Tochter“ oder „die weiße Göttin“.
Weiß ist auch die Farbe des Todes, da die ( weißen) Knochen als einziges übrig blieb, nach der Bestattung über der Erde. Das weiße Haar der Baba, oder bei uns Frau Holle, zeigt die Verbindung mit der Unterwelt, in der  das neue Leben keimt. Diese neue Hoffnung manifestiert sich in dem jungen Mädchen, der weißen Tochter, die spielend ins Leben hineingeboren wird- aber die Verbindung zum Dunklen noch in sich spürt. Ein Schneeglöckchen symbolisiert diese „Zerrissenheit“ zwischen Dunkelheit (und Kälte), Hoffnung und Wachstum.
Und Rot ist also nicht nur ein Zeichen von Gesundheit (rote Wangen) sondern symbolisiert natürlich das Blut, das Menstruationsblut, die Empfängnis, die Geburt- das allumfassend Weibliche. Nicht umsonst sehen wir in den Kleidertrachten wunderbare rote Stickereien. Schaut man sich die Trachten noch näher an, fällt noch eine andere Farbe auf: Schwarz, Inbegriff der Dunklen, Weisen Frau. Baba Marta ist ein Teil von ihr, so wie bei uns Frau Holle. 
Bis die Störche wiederkommen werden die Martinizi an die Zweige gehängt.  Auch hier wird die Farbkombination schwarz weiß rot sichtbar. Durch seinen Habitus ist der Storch die Verbindung zwischen den drei Welten: der Unterwelt (unter Wasser), der Erde (das Waten im Wasser und auf der Wiese) und dem Kosmos (Fliegen) und ist somit ein heiliges Tier.
 
Wir sind Teil einer Landschaft. Der dreifarbige Lebensfaden wird gewebt und wird in unserer Seele zusammen geflochten: Weiß Rot und Schwarz.
Ob in Erscheinung weiß gekleideter Juffer, als Sonnen, Mond- und Windmutter, der drei Schwestern in Bayern, der Frau Percht in den Alpen, der drei Moiren (Griechenland), der Parzen, der Nornen oder der drei Bethen. Sie alle sind Landschaftsahninnen ihres Landes. In ihrer Darstellung als DreiEinheit werden sie zu der Urmutter einer Landschaft oder Kultur.
Matronensteine in Pesch
Matronenstein im Heiligtum Pesch/Eifel
Matronaedrum voor sjamanistische rituelen met dank aan: Het Vrouwenrad
Auch die Drei Matronen  stellen in ihren drei Frauengestalten den Zyklus des Lebens dar. Durch die Römer in Stein gemeißelt wurden die Ahninnen einer längst verschwundenen Kultur sichtbar. Hunderte dieser so genannten Matronensteinen wurden vor allem in der Eifel gefunden. Ihre Ikonographie verweist auf den Lauf im Lebensrad und sind so wie die (Farb)Aspekte der Jahreszeiten (Weiß Rot Schwarz) im Großen Kosmos eingebettet.
Der Winter zieht sich in die Berge zurück, Baba Marta schickt den Frühling, damit das Lebensrad sich weiter dreht. In diesen Ferien werden wir Martinizis flechten, Faden um Faden…   

Честита Баба Марта, herzlichen Glückwunsch zum Oma Marta Tag!

Alles Liebe 
Juliane
Feierst du auch einen Frühlingsbrauch? Kennst du diesen Brauch der Martiniza? Ich freue mich über dein Wissen! Hinterlasse weiter unten einen Kommentar, wenn du willst.
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Möchtest du selbst Martenizi machen? Klick aufs Video. Bei Renate findest du übrigens noch mehr zum Brauch der Martenizi. Viel Spaß beim Basteln!

INFOthek » weitere Inspirationen

  1. https://www.ard-wien.de/2019/02/28/die-marteniza-in-bulgarien/
  2. https://giphy.com/gifs/mart-cbm-nikolaymotion-5Uz5EvFxkq0JAXSwmR
  3. https://bnr.bg/de/post/100336701/die-martenitza-eine-alte-bulgarische-tradition
  4. https://doanbulgaria1976.wordpress.com/2013/02/28/sechko-lon-sechko-nho-va-baba-marta/
  5. https://artedea.net/baba-marta-grosmutterchen-marz/
  6. Judith Mies und Kurt Derungs: Magische Eifel. Grenchen, 2012.
  7. Kurt Derungs & Sigrid Früh: Der Kult der drei heiligen Frauen, edition amalia 2014.
  8. Annine van der Meer: Die Sprache unsrer Ursprungs- Mutter MA, Christel Göttert Verlag, Rüsselsheim, 2020
  9. Mirjam van Donselaar: Matronentraining
  10. pictures from Getty Images/Canva, 
  11. foto Pesch: mistralma
  12. foto drum: Mirjam van Donselaar 
  13. Gif: https://giphy.com/gifs/mart-cbm-nikolaymotion-5Uz5EvFxkq0JAXSwmR
  14. Wildmohnfrau

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